8 gute gründe vegan zu leben

liebe hanna,

ich nochmal. wie versprochen kommen hier meine guten gründe vegan zu leben – das vegan-manifest wie du es nennst. du hast mich ja in deiner kanada-zeit gebeten das zusammenzuschreiben und ich muss sagen, es stimmt noch immer so für mich.

  1. niemand ist für mein mittagessen gestorben. nicht die tiere sind damit gemeint. ich muss sagen, dass ich geglaubt hab, wenn jean ziegler sagt man könne heute 13 milliarden menschen ernähren, und jedes kind das heute an hunger stirbt wird ermordet, dass damit die ungerechte verteilung der nahrung zwischen den menschen schuld ist. mir war nicht klar, dass unsere schweine und kühe den menschen das getreide wegfressen. 50% der weltweiten getreideproduktion wird an tiere verfüttert, das ist schon ordentlich schräg.
  2. ich furze weniger als eine kuh. haufenweise körner und linsen zu mampfen führt zwar zu nicht unbeträchtlicher gasentwicklung in meinem verdauungsapparat, aber trotzdem gasen die millionen von rindern ganz andere mengen methan in die athmosphäre. angeblich mehr, als der weltweite auto- und flugverkehr.
  3. niemand wurde für mein mittagessen gequält. mir tun tiere nicht leid wenn sie geschlachtet werden. aber wenn sie davor ein absolutes scheißleben haben, dann find ich das erstens nicht in ordnung, und zweitens will ich angst, apathie und wahnsinn nicht mitessen, denn die information steckt sicher in dem fleisch. mastbetrieb heißt ja sowieso schon keine bewegungsfreiheit und dadurch auch kein tageslicht. aber massentierhaltungs- und tierfabrikbedingungen sind nochmal verschärft, laut dahlke auch vor allem deshalb, weil solche internierungsbedingungen das sadistische potenzial von menschen ansprechen (vergleich mit „das experiment“) angeblich sehen die rinder auch bis zu 12 tiere vor sich sterben und sind oft auch gar noch nicht tot wenn sie „weiterverarbeitet“ werden. Da braucht man also gar nicht an feinstofflichkeit glauben um sich auszumalen was diese hormonausschüttungen im körper zurücklassen. und fleisch essen heißt einfach auch gleichgültigkeit diesen bedingungen gegenüber. aber irgendwas muss ja seltsam sein, wenn fleisch oft pro kilo weniger kostet als obst oder gemüse.
  4. ich zerstöre keinen regenwald. 38 fußballfelder pro minute werden verheizt. hauptsächlich um weideland zu geweinnen. oder um soja anzupflanzen, für die tiermast.
  5. ich bin kein kalb. wäre ich ein kalb, dann wäre kuhmilch eine super sache für mich. bin ich aber nicht. ich bin schon groß, wachse nicht mehr, und bin darauf angewiesen, dass mein körper sein zellen erneuert und die alten abbaut. milch, jede art von milch, sagt dem körper: volle kanne zellenwachstum und keine alten zellen abbauen. das ist genau das, was passiert wenn man krebs hat. hinzu kommt bei der modernen milchverarbeitung, dass milch von tausenden kühen vermischt wird. kein wunder, dass dieser cocktail an allergenen bei vielen menschen allergien auslöst.
  6. eier sind menstruationsabfall – iiiiiiiiiiiiiiiiiiihhhhhhhhhhh. Diese betrachtung hilft sehr dabei sie konsequent wegzulassen. ansonsten enthalten sie die selbe wachstumsinformation wie milch.
  7. abwechslung ist der geile scheiß. seit ich vegan koche, koche und esse ich viel abwechslungsreicher. in rezeptedatenbanken, wo man normalerweise tausende hits hat, wenn man irgendein gemüse verarbeiten will, schränkt sich sie suche oft auf sehr angenehme und überschaubare unter 50 ein, wenn man ein veganes rezept sucht. Eigentlich war mein plan ja, anfangs viele meiner fleischrezepte mit fleischersatzprodukten nachzukochen, aber das hab ich dann nur zweimal gemacht, denn es gibt soviele andere, viel leinwandere sachen. in den letzten wochen hab ich gekocht: sojalasagne, ofenkürbis, linsendahl, kichererbsencurry, vietnamesische sommerrollen, thaicurrys, semmelknödel mit schwammersauce, gratinierter spinat, fisolen mit gomasio, sellerieschnitzel mit salat, eintopf, grillgemüse und vieles mehr. ich hab in drei wochen noch nie zweimal das gleiche gekocht, und nächst woche sind krautfleckerl, hirseauflauf, gemüsekuchen und kürbiscremsuppe geplant.
  8. junkfood ade. ganze regalreihen im supermarkt brauch ich gar nicht mehr betreten, auch das schokocroissant in der u-bahn station ist geschichte, von mcdonalds ganz zu schweigen. wenn ich jetzt süssjunken will, muss ich mir vorher was backen, was dann doch wesentlich mehr genußqualität hat, als schnell mal die packung schokokekse vernichten. ganz super: penutbutterbrownies und apfelstreuselkuchen. zu shirins geburtstag kommt dann der vegane marmorgugelhupf.

und zu deinen fh-kollegInnen:

aber soja ist ja auch böse – gehts noch? was glaubst du denn wovon dein schnitzel ernährt wurde? lichtnahrung? okay, das ist vielleicht ein bissel polemisch, aber fakt ist, dass soja eine wichtige rolle bei der tiermast, speziell bei der schweinemast spielt. und abgesehen davon: ich hab ja schließlich die wahl ob ich österreichisches bio-tofu oder gen-soja aus übersee kaufe. übrigens: hps zukünftige ex-arbeitskollegin a. hat einen onkel im marchfeld der bio-soja anbaut und uns gestern eine exkursion dorthin angeboten. ursuper, oder?

aber wir menschen sind biologisch als omnivore gebaut – man kann ja wirklich für alles und jedes studien finden, und ich kann nicht beurteilen ob die einen (der mensch ist omnivor) oder die anderen (der mensch ist fructarier) recht haben. ich kann nur befolgen, was mir persönlich als schlüssig erscheint. und ich kann sehr wohl beurteilen, was mir subjektiv gut tut. und niemand kann mir erzählen, es sei erwiesen, die gängige westliche ernährung mache nicht krank. (cholesterin? hallo?) hp wird die probe aufs exempel machen und im rahmen von gesundenuntersuchung bzw. kur herausfinden, was sich blutwerte und blutdruckmäßig bei ihm verändert.

und zu guter letzt die vielzitierten lederschuhe – ich finde das ist eigentlich eine philosophische frage. macht es sinn ein ideal anzustreben und mich ihm mehr und mehr anzunähern, oder ist es besser ich lehn mich selbstzufrieden zurück und sag, wenn ich das ideal nicht erreichen kann, dann kann ich es gleich sein lassen. ich für meinen teil finde, dass es wirklich interessantere und wichtigere schritte in der umstellung auf vegan gibt, als meine schuhe wegzuwerfen. natürlich kann man behaupten, ich darf mich nicht als vegan bezeichnen, solange ich mich am weg dorthin befinde. aber was soll diese alles-oder-nichts-einstellung? wenn ich aus überzeugung kein auto hab und von der outdoorparty bis zum familienurlaub meine transport-issues mit fahrrad und öffis bestreite, muss ich mich dann rechtfertigen, wenn ich zweimal im jahr ein möbelstück mit einem geborgten auto transportier? bin ich keine wirkliche fahrradfahrerin, solange ich kein lastenfahrrad im hof stehen hab?

auf jeden fall geb ich dir recht, so wirklich konsistent in unserer konsumumgebung auf regional-fair-bio-gut umzusteigen ist eine challenge, aber wir sind in diese richtung unterwegs, soviel ist sicher.

konfrontativ,

dein lesterschwein

die qual der wahl

liebe einzige schwester!

home sweet home. das waren vielleicht dichte tage. berlin. die in einer stadt manifestierte metapher unendlicher möglichkeiten, potentielle aktivität 24/7. heute flug retour, rumgechecke, kommunikationszeug, bis 21.45h vorlesung, morgen prüfung, bachelor-arbeit im endspurt, sachen.

und überhaupt.

hatte ich mir doch so vorgenommen, die berlintage ein bisschen entspannter zu verbringen. mit E. ausgemacht, es wird gechillt! und dann haben wir uns wieder reingestrudelt, jeden tag eine ziemlich gröbere action angerissen, von partneryoga über tättowier-sause bis body-workshop und sachen. adrenalin all over! ohne jetzt ganz ins ich-bin-so-arm-luxusproblemgejammer abzudriften: klar ist das ein lifestyle und eine art von freizeitgestaltung für die ich mich aktiv entschieden habe. aber das ständige rumgechecke, wann wer wo was und dann noch feinkoordination und so simple dinge wie – ubahn oder zu fuß? – und ich krieg schon überforderungszustände. L. meinte dazu bei einem drink in der tante horst, entscheidungsfähigkeit sei auch eine ressourcenfrage. klar – je mehr dichtness, desto überfordert. aber selbst in (frei-)zeiten – quasi „accessible ressources“ – macht mich entscheidungsmuss immer wieder unrund. egal ob städtetrip oder alltagskram. mit jeder wahl entscheidet man sich ja für etwas, und zwangsweise zeitgleich gegen eine unendliche anzahl anderer optionen. und man wird nie wissen ob eine andere wahl nicht doch die bessere gewesen wäre, und in einem paralleluniversum die anderen multiplen hanna’s nicht doch lieber einen apfelstreusel- statt dem schokokuchen, die performancekunst dem betriebswirtschaftlichen kommunikationsstudium und motiv X, Y oder Z der vor 3 tagen tättowierten liegenden acht vorgezogen hätten. end of choice. und dass ich mich jetzt gerade ein wenig über mein tattoo ärgere ist vielleicht ja nur eine art phantomschmerz, weil ich eben keine wahl mehr habe. das ding ist auf meinem handgelenk eingebrannt, und wird mich von jetzt an mein leben lang begleiten. und an diesen moment erinnern. das war ja auch der deal. eigentlich. deine deutung, in all den unendlichen möglichkeiten auch mal auf den punkt zu kommen, trifft wohl’s auch auf – genau diesen – punkt.

aber ich kann mir ja jetzt schlecht jeden entscheidungsprozess unter die haut tackern.

also: reduktion. beispielsweise die entscheidung vor ca. 5 jahren, nur mehr schwarz zu tragen, und etwas später – winkewinke, timoni west – auch nur mehr eine bestimmte kombination an einheitlichen kleidungsstücken. jeden. tag. eine entscheidung, die viele zukünftige entscheidungen erspart.

lange dachte ich, meine entscheidungsunfreudigkeit – gerade in alltagssituationen – sei eine persönliche macke.

und dann, die entdeckung – mein unwille hat einen namen:

the paradox of choice

darüber bin ich erstmals in einem fm4 doppelzimmer mit armin wolf gestolpert. er hat damals barry schwartz und sein diesbezügliches buch zitiert, wonach ein mehr an auswahl nicht ein mehr an glück oder zufriedenheit impliziert – sondern vielmehr das gegenteil. ich hab dir das ja auch geschenkt wenn ich mich richtig erinnere – was hältst du von seinem ansatz?

schwartz spricht von paralyse, überhöhten erwartungshaltungen, reduzierten satisfaktions-gefühlen nach getroffenen entscheidungen. von einer metaphorischen fish bowl, die notwendig ist, um eine paralyse durch unendliche möglichkeiten einzugrenzen.

ergo: kontrastrategie veganismus! unsere fish bowl. (ohne fisch.) mit dem vegan-werden noch mal jede menge entscheidungssituationen weg: ob in der gastronomie, beim bäcker oder im supermarkt – große teilbereiche (milchregal!) fallen vollkommen weg. eine wohltat. wenn auch mit mehr auseinandersetzung des eigenen nahrungsaufnahmeverhaltens gekoppelt, um sich nicht automatisch alle tage von weissbrot und vodka zu ernähren (dahlke, ich hör dir trapsen!).

du hast das ja auch in sachen morgensport erwähnt:

eine der verblüffendsten folgen der umstellung auf vegan: viele dinge fallen dann von selber weg, und ich muss mir darüber überhaupt keine gedanken mehr machen. mindetens 90% allen süssjunks, mindestens 90% aller kosmetika, usw. usf. und das entspannt total. ich dachte eigentlich immer vegan leben ist anstrengend. mit dem nicht mehr zur wahl stehen ist das bedürfnis danach dann auch ziemlich schnell weg.

sollten wir vielleicht dem herrn schwarz flüstern. hier noch seine conclusio im o-ton anno 2005:

wie lässt sich die entscheidungs-paralyse vermeiden? oder bewältigen? oder ist es doch die dichtness, die mangelnden ressourcen? oder eh wurscht?

grübelnd
und sich mit taschentüchern und sauscharfer instantsuppe ins bett verkrümelnd,

die hannaschwester

ingwersuppe instant